Freitag, 4. März 2011

Meersburg (Annettes Traum)

Meersburg
Meersburg mit seinem alten Schloss, einst Sitz der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, mit seinen winkligen, südländisch anmutenden Gassen und dem See, der die Silhouette der Stadt unmittelbar spiegelt, ist eine der schönsten Städte am Bodensee. Das Alte Schloss wurde erstmals 988 in einer Urkunde Ottos III. als Meresburg genannt und geht vermutlich auf eine merowingische Befestigung zurück. Der Rundgang durch das Burgmuseum führt unter anderem durch einen mittelalterlichen Wohntrakt, durch Rittersaal, Waffenhalle, Brunnenstube, Burgverlies, Kapellen, Wehrgänge und Türme, den malerischen Burggarten und die wehrhafte Nordbastion. Zum Museum gehören weiterhin das Arbeits- und Sterbezimmer Annette von Droste-Hülshoffs, der größten deutschen Dichterin, die in den Jahren 1841-1848 am Bodensee auf der Burg lebte. Auf folgende Weise könnte die Ankunft Annettes am Bodensee stattgefunden haben.

Ankunft am See

Am 30. September 1841 erreichte Annette zusammen mit ihrer Schwester Jenny und deren Zwillingen den Bodensee. Neun Tage waren sie unterwegs gewesen, vom Schloss Hülshoff in Westfalen über Rhein und Schwarzwald. Annette sah ihre Reise nach Meersburg nicht als Flucht, wie es viele böse Zungen daheim behaupten könnten. Das südliche Klima würde ihrer Gesundheit wieder aufwärts helfen, so glaubten auch die Mama und Annettes Amme. Aber nur Jenny war in den Plan eingeweit: Annettes Ziel war, zusammen mit Levin Schücking, den ihr eine verstorbene Freundin 17jährig ans Herz gelegt hatte, auf der Burg zu leben. Durch Jennys Vermittlung wollte deren Gatte Laßberg Schücking als Bibliothekar einstellen. Levin wollte später nachkommen, damit die Verwandten und besonders die Mama nichts Falsches denken sollten.
Schon von Weitem sah Annette das Licht, das über dieser gesegneten Landschaft lag. Sie durchquerten kleine, wie geputzte Dörfer mit Rosenspalieren an den Häusern, mit Bauerngärten und Walnussbäumen. Reife Birnen hingen in den Zweigen der Obstbäume. Auf den Stoppelfeldern saßen Raben, pickten und flügelten auf, wenn sich der Wagen näherte. Bald hinter Stockach kamen sie an den See, eine spiegelglatte Fläche, die sich nach Osten ins Unendliche zu verlor. Dahinter die Schweizer Berge, die Thurgauer Alpen, die Churfirsten, der Säntis mit seinem schneebedeckten Haupt. Diesen Berg hatte Annette von Schloss Eppishausen aus gesehen, wo sie sie ein Jahr mit ihrer Mama, Jenny, Laßberg und den Zwillingen verbrachte. Nun war es wieder Herbst, und sie war älter geworden, die Neige in ihrem Becher schwand. Dort in der Schweiz war Annette nicht allzu glücklich gewesen. Lag es an den sie umgebenden Mauern, an den Bergen, die ihr die Sicht auf den See, auf Täler und Flüss verstellten? Sie hatte sich nach der Weite ihrer westfälischen Heimat gesehnt. War es der Geist des Mittelalters, der ihr die Luft nahm, die Studien, von denen der alte Laßberg und seine gelehrten Freunde umgetrieben wurden? Oder fehlte ihr einfach nur ein Mensch, dem sie sich hätte offenbaren können? Jenny, ihre Schwester und langjährige Vertraute, hatte mit dem Hausstand und ihren Kindern genügend zu tun. Aber jetzt, auf der Seeseite, konnte Annettes Blick frei umherschweifen. Vor Sipplingen traten die Sandsteinfelsen der Molasse näher ans Seeufer heran. Jenny zeigte ihrer Schwester die Heidenhöhlen und erklärte ihr, dass sie in der Vorzeit von Menschen bewohnt gewesen wären. Sie fuhren durch Auen mit Silberweiden und Schilf am Gestade. Überall blinkte der See in einem klaren Blau herauf. Die Meersburg kam in Sicht, ein Trumm und Wahrzeichen des Mittelalters. Durch die Steiggasse ging es hinauf. Möwen kreisten über der Stadt und schrien gellend. Der Wagen rasselte die letzten Meter bis zur Burg. Das Tor wartete wie ein Schlund, wie der Eingang zu einem Gefängnis oder Grab, aber auch wie das Tor zu einem Neuanfang.
Wenn man heute durch die malerischen Gassen Meersburgs wandelt, ist vieles von dem Geist, der hier einst wehte, unter den Touristenströmen verschwunden. An ruhigen Tagen, außerhalb der Saison und den Wochenenden, kann man aber durchaus in Ruhe auf den Spuren der Dichterin wandeln. Am Alten Schloss selbst ist die Zeit stehen geblieben; innen wirkt es so, als hätten es seine Bewohner erst vor Kurzem verlassen. Ob Annette von Droste-Hülshoff ihr nicht allzu fernes Ende ahnte, als sie durch das Tor in die Burg hineinschritt? Und doch glänzen auch heute noch der See, die Reben und die Berge durch die alten Fenster herein. Geht man von der Burg über eine Treppe in die Unterstadt, bemerkt man denselben Sandstein, der sich bei Sipplingen und anderswo zeigt. Es ist ein unvergessliches Erlebnis, am Seeufer unter Platanen zu sitzen und den Schiffen zuzuschauen, die Konstanz und andere Städte am Bodensee anfahren. Zu Annettes Zeit war ein Streit um die neue Bodensee-Schiffahrtgesellschaft entstanden. Und so fuhren manchmal zwei Schiffe am selben Tag mit demselben Ziel.
Nun war Annette auf der Meersburg angekommen, einem Ort, der ihr zur zweiten Heimat werden sollte. Wie mag sich der Empfang durch Laßberg abgespielt haben? Er wird genauso aufrecht da gestanden und sie willkommen geheißen haben wie in Eppishausen, mit seinen 70 Jahren. Die Diener trugen das Gepäck in Annettes Schlafzimmer, die Zwillinge wurden ins Bett gebracht. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden. Überall an denWänden waren Fackeln angebracht, die den Weg durch das dunkle Schloss beleuchteten und ihre Schatten riesenhaft hinter sich warfen.
Hier ist dein Arbeitszimmer, Nette“, sagte Laßberg und schloss ein Turmzimmer auf. In den runden Raum hatte Jenny alles bringen lassen, was ihre Schwester brauchte: Tische und Stühle, einen behaglichen Ofen, ein Sofa und Bilder. Annette trat an das Fenster mit den Butzenscheiben und öffnete es. In der Dämmerung lagen die Dächer wie geschachtelt unter ihr, vom See kam ein letztes warmes Licht herauf. Die Mauern dufteten nach Jahrhunderten, ließen den sagenhaften Dagobert, Friedrich II. Konradin und die Ritter wieder auferstehen. Im Rittersaal, dessen Ausmaß Annette den Atem nahm, war das Abendessen angerichtet. Vielleicht wurde eine klare Boullion mit Eierstich, später Zanderfilet und zum Nachtisch Maronencreme serviert. Annette merkte, dass ihre Lebensgeister allmählich zurückkehrten. Meersburger Wein wurde gebracht. Bald zog sich Annette zurück und lauschte noch lang auf das Knistern und Knarren in dem alten Gemäuer.

Das alte Schloß
Auf der Burg haus ich am Berg
Unter mir der blaue See,
höre nächtlich Koboldzwerge,
Täglich Adler aus der Höh,
Und die grauen Ahnenbilder
Sind mir Stubenkameraden,
Wappentruh und Eisenschilder
Sofa mir und Kleiderladen
Schreit ich über die Terrasse
Wie ein Geist am Runenstein,
Sehe unter mir die blasse
Alte Stadt im Mondenschein
Und am Walle pfeift es weidlich,
– Sind es Käuze oder Knaben?
Ist mir selber oft nicht deutlich,
Ob ich lebend, ob begraben!
(...)
(Annette von Droste-Hülshoff , Sämtliche Gedichte, Frankfurt./M., 1988)
Meersburg

Am anderen Morgen schritt sie durch das Burgtor hinaus, stieg die Stufen in die Unterstadt hinab. Die Sonne bschien die Fachwerkhäuser und die bunten Figuren, die hier und dort angebracht waren. Vor der Kirche wurde ein Markt abgehalten, alles wimmelte durcheinander, alle Früchte der Saison wurden angeboten, Maronen, Trauben, Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Kartoffeln, Bohnen. Daneben Felchen, Zander, Renken, Fleisch, Wurst und Käse. Annette sog tief die Düfte ein und wandte sich zum Weg nach Haltnau.
Wellen plätscherten ans Ufer und nässten ihre Füße. Der Schaum knisterte leise. Annette bückte sich nach buntgeäderten Steinen, fand immer neue Muscheln, die sie in eine Tasche ihres Rockes steckte. Nach dem Mittagessen setzte sie ihre Erkundigungen fort. Sie stieg hinauf bis zum Rand des Buchenwaldes, geriet in Atemnot und ließ sich auf einer Bank nieder. In einem Winzerhäuschen traf sie einen Glaser, der hier seine Werkstatt hatte.Vor dem Haus waren Bänke und Tische aufgestellt. Der Mann war klein, trug einen Zopf und war von der Sonne fast schwarz gebrannt. Er brachte Wein und Trauben. Annette verplauderte einige Zeit mit ihm, bis die Schatten länger wurden und sie sich verabschiedete. In jedem Schatten, in jeder Rebe, in jedem Buchenblatt und jede Kräuseln des Sees sah sie nur ein Gesicht.

Die Schenke am See

An Levin Schücking

(...)

Sieh drunten auf dem See im Abendrot
Die Taucherente hin und wieder schlüpfend;
Nun sinkt sie nieder wie des Netzes Lot,
Nun wieder aufwärts mit den Wellen hüpfend;
Seltsames Spiel, recht wie ein Lebenslauf!
Wir beide schaun gespannten Blickes nieder;
Du flüsterst lächelnd: immer kömmt sie auf -
Und ich, ich denke, immer sinkt sie wieder!
 
(Annette von Droste-Hülshoff , Sämtliche Gedichte, Frankfurt./M., 1988) 

1 Kommentar: