Dienstag, 5. März 2013

Schiller und Mörike in Lorch

Kloster Lorch, Grablege der Staufer
Anfahrt: Von Stuttgart auf der Schnellstraße nach Schwäbisch Gmünd -Aalen



Das "Schillerbänkchen" in Lorch
Lorch - eine alte, weit abgelegene Pfarrei - wurde wohl im 11. Jahrhundet von staufischen Chorherren gegründet. Die Stadtkirche steht hinter Friedhofsmauern, noch im Bereich eines ehemaligen römischen Lagers. Das bewachte einst den hier aufeinandertreffenden rätischen und obergermanischen Limes. In dem hübschen Ort stehen alte Fachwerkhäuser, darunter auch die zeitweiligen Wohnhäuser von Schiller und Eduard Mörike. Auf einer Anhöhe befindet sich das ehemalige Kloster Peter und Paul, 1102 vom ersten Herzog aus dem Hause Staufen gestiftet?an der Stelle einer ehemaligen Burg. Die Staufer hatten hier seit 1140 ihre Grablege, die Gräber der Kaiser sucht man allerdings vergeblich:
Heinrich IV. und Friedrich II. ruhen in Palermo, Friedrich Barbarossa ist in Kleinasien verschollen. Nur Königin Irene aus Byzanz wurde hier bestattet. Vom Kloster-Kreuzgang ist ein Stück des Nordflügels erhalten, ebenso das Konventgebäude mit zwei Sälen unten und Resten des Dormitoriums oben. Ferner noch vorhanden sind die Prälatur aus dem 16. Jahrhundert sowie der Fruchtkasten. Auch die Ringmauer ist, nebst Eckturm, noch größtenteils erhalten. Sehenswert, wenn nicht eine Reise wert ist das Monumentalgemälde von der Geschichte der Staufer, von Hans Kloss zum 2000ten Jubiläum des Klosters erarbeitet. Der Künstler erschuf das Bild von der Mitte der neunziger Jahre bis 2002. Ein prächtiger kleiner Garten rundet die schöne Anlage ab, mit einem römischen Wachtturm am Beginn des Limeswanderweges.


Vom Kloster führt ein ausgeschilderter „Limeswanderweg“ an der ehemaligen Befestigungsanlage der Römer entlang. Schon die alten Dichter wussten die Vorzüge dieser Region zu schätzen. Friedrich Schiller lebte von seinem 4.-7. Lebensjahr in Lorch. Seine Schwester Christophine hat die Spiele beschrieben, mit den der junge Friedrich seine drückenden Erlebnisse in der Schule und im Elternhaus kompensierte. Besonders liebte er „Pfarrerspiele“.
„Mutter und Schwester mussten dem Knaben eine schwarze Schürze umbinden und ein Käppchen aufsetzen, dabei sah er sehr ernsthaft aus. Wer zugegen war, musste zuhören, und wenn jemand lachte, wurde er unwillig und lief fort und war so bald nicht wieder zu sehen.“
                                                   
Einige Zeit später notierte Eduard Mörike, de sich von 1867 bis 1869 hierher zurückzog, in den ersten Tagen in sein Notizbuch:
„Wahr aber ist, ich lebe hier, Essen und Trinken abgerechnet, fast nur vom Genuss der Gegend, insbesondere der Luft, und habe kaum noch eine Feder angerührt. Wir haben hier vollkommen, was wir brauchen, was Gretchen fast noch mehr als ich bedurfte: die lang ersehnte absolute  Ruhe und Stille.“
                                                           
„Die ersehnte Ruhe fand Eduard in der Natur, auf Spaziergängen allein oder mit der Familie. Am frühen Morgen traten Eduard, Margarethe, Klara, Fanny und Marie aus dem Gasthaus „Rössle“ in Lorch. Eduard war selig. Ein Familienausflug zum Wäscherschlösschen! Es versprach ein wunderbarer Tag zu werden. Sie wanderten an der Ziegelhütte vorbei, immer der Rems entlang. Hohe Pappeln und Erlen standen am Weg. Dann nahm ein dichter Wald sie auf. Nach einer Zeit, die sie lebhaft plaudernd durch die Hallen der Buchen und Tannen geschritten waren, weitete sich der Blick auf ein wildromantisches Tal. Ein Bach gluckste friedlich glitzernd in Mäandern durch die Wiese, die mit gelben Trollblumen übersät war. Eduard wurde ganz ruhig; alle Schmerzen waren in diesem Moment von ihm abgefallen. Er fühlte sich eins mit Gott und der Natur.
Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel und sie gerieten gehörig ins Schwitzen. Margarethe hielt ihren Schirm über sich und war bemüht, ihr weißes Kleid nicht zu beschmutzen. An der Beutenmühle, deren Räder durch die Stille klapperten, machten sie Rast, tranken Wein und Sprudelwasser. Eduard zog seinen Gehrock aus und nahm Margarethes Hand. Seine graublonden Haare klebten an den Schläfen und er griff nach dem Spazierstock mit dem Tierkopfknauf.
„Zum Mittagessen sollten wir im Wäscherhof sein“, verkündete er und richtete sich mühsam auf. Die Mädchen sprangen beim Weitergehen hin und her und zeigten Eltern und Tante ihre Funde: einen Strauß aus Vergissmeinnicht und Bachnelken, eine Kröte, bei deren Anblick Margarethe „pfui!“ schrie und eine Versteinerung. Schließlich erreichten sie das Wäscherschloss mit seinem alten Fachwerk und der trutzigen Mauer. In der Ferne standen blau die Kaiserberge. Die Wirtsleute des Wäscherhofes hatten roh gezimmerte Bänke und Tische ins Freie gestellt und dort speisten unter schattenspendenden Linden die Gäste. Gelöst ließ Eduard sich inmitten seiner Familie nieder. Es wurde alles aufgefahren, was das ländliche Schwaben zu bieten hatte: Maultaschen, dreifach dick mit Brät gefüllt, in der Brühe und mit Zwiebeln abgeschmälzt; Bauernbratwurst, Kartoffelsalat, Sauerbraten und Hirschragout mit Spätzle und Bubenspitzle. Zum Nachtisch aß man Grießnocken und trank Kaffee aus kleinen Tassen, süß und heiß.
Während die Unterhaltung lebhaft von einem zum anderen Thema sprang, erinnerte sich Klara:
„Die Fanny hat mal was Nettes zum katholischen Glauben gesagt.‚Papa, gelt, der Unterschied von homöopathisch und den anderen Arzneien ist nur wie katholisch und deutsch. Die Mutter ist katholisch und wir deutsch.“
Eduard sah Margarethes traurigen Blick und dachte daran, dass diese Idylle nicht mehr lange währen würde. Fanny und Marie mussten wieder in die Schule nach Stuttgart; die Anwesenheit der Eltern war erforderlich und die doppelte Haushaltsführung belastete das Familienbudget über die Maßen. Wenn es doch immer so bleiben würde wie in Lorch!“

 (c)Christa Schmid-Lotz, Eduard Mörike. Ein Leben auf der Flucht. Salzer 2004
Kindle Edtion 2012 von Christa Schmid-Lotz

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