Samstag, 11. Juni 2011

Tübingen, das "Saunest" am Neckar


Von C. Schmid-Lotz und Peter Stubenvoll

In deinen Tälern wachte mein Herz
mir auf zum Leben,
Deine Wellen umspülten mich,
Und all der holden Hügel,
Die dich, Wanderer, kennen,
Ist keiner fremd mir.
Mit der Ode „Neckar“ rühmte der in Laufen geborene Friedrich Hölderlin den Fluss, der ihn sein ganzes Leben lang begleiten sollte, an dessen Ufer schließlich, im Hölderlinturm in Tübingen, seine bereits kranke Seele Ruhe und Frieden fand. Für die Tübinger ist und bleibt er „der Hölder“. Neben ihm weilten unzählige Dichter und Denker in der Universitätsstadt, allen voran der Astronom Johannes Kepler, der unter anderem die Gesetze der Planetenbewegung entdeckte und Galileo Galileis Forschungen unterstützte. Ferner waren es die Philosophen Philipp Melanchton, ein Weggegfährte Luthers, waren es Schelling und Hegel, der Dichter Christian M. Wieland, David Friedrich Strauß, Berthold Auerbach, Georg Herwegh, Gustav Schwab, Arnold Zweig und Hermann und Isolde Kurz. Später kamen Walter Jens, der Rhetoriker, und Ernst Bloch hinzu. Walter Jens bezeichnete Tübingen als „Stadt, lebendig durch die Toten“, während Ernst Bloch das „Prinzip Hoffnung“ formulierte. Mit dieser Namensliste könnte man endlos fortfahren, denn hier lebten auch die Dichter Eduard Mörike, Ludwig Uhland, Friedrich Theodor Vischer, Varnhagen von Ense, für den die Stadt „abscheulich und schmutzig“ war, ein baufälliges Nest, allerdings „in prächtiger Landschaft gelegen“. Vischer nannte Tübingen gar „ein Dorf absoluter Öde“, ein „Saunest“. Als Studenten hielten sich hier auch Justinus Kerner, Wilhelm Hauff, Wilhelm Waiblinger sowie Schiller und Goethe auf, die dem großen Verleger Cotta ihre Referenz erwiesen. Sie verhandelten mit ihm wegen ihrer Werke, sicherlich bei einem Schoppen guten Weines, der um Tübingen bis heute in herrlicher Hanglage gedeiht. Auch der berühmteste deutsche Dichter und Schriftsteller der Neuzeit, Hermann Hesse, weilte in Tübingen, allerdings nicht als Student, sondern als Volontär der Heckenhauerschen Buchhandlung (gegenüber der Stiftskirche). In seinem Werk hat Hesse die Stadt gewürdigt und ausführlich beschrieben. Vom Uhland-Denkmal aus gelangt man über den sogenannten „Indianersteg“ zur Platanenallee, in dessen Schatten sich das Denkmal Friedrich Silchers verbirgt, Komponist etlicher Uhlandlieder und des Liedes „Ich hatt einen Kameraden“. Weiter flussaufwärts befindet sich das Denkmal der Schriftstellerin Ottilie Wildermuth. Apropos: Bei der Einweihung des Uhland-Denkmals verstarb Hermann Kurz auf tragische Weise an einem Sonnenstich. Ihm und seiner Tocher Isolde wurde u.a. im Reutlinger Stadtmuseum ein eigenes Denkmal gesetzt.


Tübingen ist aber nicht nur eine Stadt der Dichter und Denker, wie man nach der fast erschlagenden Aufzählung vermuten könnte. Es ist auch eine Stadt mit Reiz und Charme, mit Bächen, die es durchfließen, Brücken und Stegen darüber hinweg, mit romantisch verbogenen Stein-Gässchen, schönen Plätzen, viel Fachwerk und Renaissance-Giebeln ...bis hinauf zum Schloss mit seinem Museen, deren es „drunten“ noch weitere gibt. Vom Stocherkahn (es gibt alljährlich ein Stocherkahnrennen) über die Ruder- und Tretboote, Cafés, Restaurants und Musikkneipen, mehreren Buchhandlungen bis hin zu großen und kleinen Läden gibt es in Tübingen wirklich alles, was Herz und Geist begehren können.

Die Stadt wurde schon vor Jahren als die mit der höchsten Lebensqualität Deutschlands bezeichnet. Wer wollte hier nicht leben? Und drüben, auf dem Spitzberg, der mehr als sehenswerte botanische Garten, der Palmenhäuser, Kakteen, tropisches Haus, Lebensräume wie schwäbische Alb, Tundra, Alpen, japanische und weltweite Blumenarten vor dem interressierten Besucher ausbreitet.
Neckaraufwärts reiht sich eine Perlenkette schöner alter Städte aneinander, von Rottenburg über Horb nach Rottweil bis hinauf in den Schwarzwald. Von Horb aus lohnt sich ein Abstecher ins nahe gelegene Eyachtal mit Bad Imnau und seinem kleinen, feinen Kurpark, und ins wildromantische Haigerloch. Von Tübingen aus lässt sich die Schwäbische Alb gut erkunden sowie umliegende Städte wie die alte Reichsstadt Reutlingen, Nürtingen, Kirchheim/Teck und die Hessestadt Calw. Alles in Allem lässt sich sagen, dass Tübingen für jedermann etwas bereithält, nichts fehlt hier, auch nicht die Hektik, auch nicht die Wehmut und die Sehnsucht nach der vergangenen Zeit, deren Geist noch in mancher Gasse und Stube weht‒es fehlen auch nicht der Spott, die Ironie, der Schalk und die Narretei!
„Stift und Jens,
Schloss und Bloch,
Hölderlin, Stipendium,
Auf immer drehet sich der Turm
Und sucht einen Reim auf Osiander.“
(Friedrich Christian Delius)

Schalk und Narretei wurden früher noch im Rittersaal des Alten Schlosses getrieben, nämlich zur Zeit der Fastnacht. Tübingen gehört allerdings nicht zur Hochburg der allemannischen Fasnet, denn es wurde schon früh evangelisch, unter Herzog Ulrich von Württemberg, der 1534 in Württemberg die Reformation einführte. Und auch in den Verbindungshäusern, meist herrschaftlich auf den Anhöhen erbaut, ging es lustig zu. Das weckt Erinnerungen:

Mein erstes Zimmer in Tübingen lag in einem Haus aus dem 16. Jahrhundert, in der Burgsteige, direkt unterhalb von Hohentübingen und dem Verbindungshaus „Roigl“. Aus dem winzigen Fenster sah ich die braunroten Dächer der Altstadt, die Kliniken auf den Bergen, und wenn ich aus dem Haus, zu der sonnenwarmen Mauer trat, blickte ich auf die blaue Mauer der schwäbischen Alb, das Stift, die alte Burse, den Hölderlintum und die Platanenallee, das „Seufzerwäldle“, wie es liebevoll-süffisant in Hinblick auf die Liebespaare genannt wurde. Der Neckar wand sich als silbriges Band in die Ferne. Ein Stück höher, im Vorbau der Burg, begegnete ich dem Astronomen Johannes Kepler. Im Schloss selbst sind zwei Museen untergebracht. Besonders bedeutend sind die Elfenbeinfiguren aus der Vogelherdhöhle des Aurignacien, die zu den ältesten weltweit bekannten Kunstwerken zählen. Darunter sind ein Wildpferd und ein Mammut, die wohl kultische Bedeutung hatten. Der Brunnen wird manch älteres Semester daran erinnern, wie hier Rock-und Folkfestivals gefeiert wurden und man ausgelassen um diesen Brunnen herum tanzte. Durch einen schmalen, geheimnisvollen Gang geht es hindurch, dann nochmal eine düstere Treppe hinab. Schon sieht man den Neckar und das weite Land mit dem Rammert und den Dörfern.
Steigt man den steilen Weg vom Tübinger Schloss in die Altstadt hinab, gelangt man zunächst in die Haaggasse. Richtung Haagtor passiert man den „AltenSimpl“, eine Kneipe meiner Studentenzeit, ebenso wie der „Ammerschlag“ und das „Rebstöckle“ in der parallel verlaufenden Ammergasse.
Legendär war hier der Zwiebelrostbraten, der damals nicht mehr als ein paar DM kostete. Heute befindet sich dort eine Whiskybar Die Jakobuskirche im alten Wengerterviertel ist eine Station auf dem Weg nach Santiago de Compostela. An der Ostseite sieht man ein Hühnchen eingeritzt, Symbol einer Jakobsweglegende.
In der „Köhlerei“, die es heute nicht mehr in dieser Form gibt, verkehrte einst das Tübinger Original, der „Kohlenbumser“, der laut Schwäbischem Tagblatt einen Kasten Bier am Tag trank und keinem eine Antwort schuldig blieb. Weiter geht es über die Krumme Brücke in die Kornhausgasse und zum Marktplatz. Das Rathaus mit seiner astronomischen Uhr und den abgebildeten Tübinger Bürgern (ganz rechts:Uhland) ist Touristenziel ersten Ranges. Davor steht der von Heinrich Schickardt geschaffene Renaissance-Brunnen. In der sehenswerten Stiftskirche sind die Württembergischen Herrscher begraben, darunter der Erbauer der Kirche, des Schlosses und Stifter der Universität, Graf Eberhard im Bart, Herzog Ulrich von Württemberg, seine Frau Sabina von Bayern und Mechthild von der Pfalz. Über die Neckargasse gelangt man zum Stift und zum Hölderlinturm. In dem Eckhaus war die Beck-Beckei, in der Eduard Mörike während seiner Stiftsjahre häufig am Fenster saß.

Durchstreift man die alte Universitätststadt Tübingen im Winter, wenn am Fluss die Lichter angehen, ergibt sich ein unvergleichbares Panorama der Neckarfront mit den winkeligen Fachwerkhäusern und dem Hölderlinturm. Jetzt verlassen wir diesen Ort der Zucht und Zuflucht und wenden uns dem Neckar zu, dort, wo der Turm des Dichters steht, die Weiden ihre Zweige tief ins Wasser hängen lassen und wie ehedem Studenten auf dem „Mäuerle“ sitzen und den vorbeifahrenden Stocherkähnen und Ruderbooten zuschauen. Hier im „Zwinger“ ist man den Tübinger Dichtern nah, insbesondere Hölderlin, dessen Zimmer im Turm bewusst karg gehalten ist, nur mit einem Gedicht geschmückt. Aber man kann sich vorstellen, wie der kranke Hölderlin hier Tag für Tag, Nacht für Nacht verbrachte, mit Aussicht auf den Neckar und die Platanen, dahinter eine Ahnung von den Bergen der Schwäbischen Alb. Nur ab und zu wurde er von dem Zimmermann oder seiner Tochter hinausgeführt oder von Waiblinger zu einem Besuch des „Presselschen Gartenhauses“ auf dem Österberg abgeholt. Hermann Hesse hat einen solchen Besuch eindringlich beschrieben. Man kann nun durch die Platanenallee zur hinteren Neckarbrücke und dort auf einer Treppe wieder zum Schloss hinaufgehen. Oder man besucht das Haus Ernst Blochs im „Schwanzer“, gleich links um die Ecke und folgt dann der Neckarhalde bis zum Eck, an dem es wieder hinunter zum Stift, zum Markt und die Burgsteige hinaufgeht. Dabei kommt an an Uhlands Geburtshaus vorbei.Überhaupt sind noch sehr viele Wohnungen und Häuser der Dichter und Denker erhalten, in dem sie sich zumindest zeitweilig aufgehalten haben. Allein dafür sollte man einen mehrtägigen Aufenthalt in Tübingen einplanen, weil die Zeit nicht ausreicht, alles richtig zu erfassen.

Die Umgebung Tübingens hat nämlich noch weit mehr zu bieten. Fährt man in Richtung Herrenberg, zweigt links ein Weg nach Reusten ab. Um den Kirchberg des Ortes herum erstreckt sich eine einmalige Urstromlandschaft, von Gletschern geformt. Die Reste der mittelalterlichen Burg Kräheneck auf dem Kirchberg geben bis heute Rätsel auf. Auf diesem Berg erbauten Bebenhauser Mönche um 1300 die Heiligkreuzkirche, die 1759 abging. Eine alte Römerstraße verlief einst nördlich der Wolfsbergsiedlung und wurde später „Königsstraße“ genannt. Dort befand sich im Mittelalter ein germanischer Gerichtsplatz. Den Necknamen „Totenrugeler“ erhielten die Reustener nach einer Anekdote: Bei einem winterlichen Leichenbegängnis auf den Kirchberg – dort liegt der Friedhof – soll einer der Sargträger ausgerutscht und der Sarg samt dem Toten den Berg hinunter „gerugelt“ sein. Man kann vom Parkplatz auf dem Höhenrücken zum Friedhof hinübergehen, mit atemberaubenden Blicken in den Kochhardgraben. Im Frühjahr wachsen an den empfindlichen Felsköpfen Küchenschellen. Das Bergcafé Reusten war seit eh und je ein Geheimtipp. Über die beiden alten Damen Marie und Sophie Haupt hat ihre Nichte ein Buch herausgebracht. Sie waren mehr als Originale ihrer Zeit. Manchmal musste man ihnen helfen, die Kübelpflanzen vor dem Winter einzuräumen. Einmal wurde der Hundvergiftet, was zu großer Traurigkeit führte. Aber immer waren sie da, immer wurden die Gäste gut bedient, wenn auch manchmal etwas raubauzig. Einmal schimpfte Marie: „Könnet ihr nicht alle das Gleiche bestellen? Jetzt brauche ich eine Pfanne für Rühr- und eine für Spiegelei!“Die Toilette war mit einem Plumpsko ausgetattet, man musste mit einer Kanne nachspülen. Das Flair dieser unvergesslichen Zeiten hat sich bis heute erhalten.
Universitätsstadt Tübingen
Am Markt 1
D-72070 Tübingen
Tel. 0 70 71 / 204 - 0
E-Mail: stadt@tuebingen.de

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